Ein göttlicher Gruß?… An mich?

Da war plötzlich diese Frau Pastoralassistentin der Erzdiözese Wien. Irmi heißt sie…, irgendwie süß…
Sie hatte die Aufgabe, immer dienstags alle Kranken zu besuchen, die in den Spitalsbetten dieser Klinik lagen. So wie auch ich, die am Vortag um ein schönes Stück Metall erleichtert worden war, das bis dahin den etwas demolierten Knochen des rechten Oberschenkel ersetzt hatte.
Irmi schaute herein zu mir und der krebskranken alten Dame und hatte ein wunderbar weiches Lächeln im Gesicht.
Interessiert hörte ich ihr zu, was sie uns über Gott, die Kirche, den christlichen Glauben zu sagen hatte und war etwas überrascht, dass sie auch kritische Worte fand. Da sie mich noch nicht kannte, fragte sie dies und das. Ich erzählte in Kurzform von dem Unfall, den ich eineinhalb Jahre früher erlitten hatte und den vielen neuen Umständen, denen ich mich jetzt zu stellen hatte. Von der Großartigkeit „Leben“ und was es doch für wunderbare Menschen beherbergt. Doch ich gab ihr auch zu verstehen, dass ich ohne Bekenntnis bin und so richtig ungläubig.
Sie wollte auch ein wenig über meine Kindheit und Jugend wissen und wie es mich nach Österreich verschlagen hatte. Okay, ein paar Kleinigkeiten konnte ich ja preisgeben.
Aufgewachsen als unerwünschter Zufallstreffer, habe ich keine Ahnung, was mich zu dem „Normalo“ machte, der ich heute bin. Weder Glaube, noch Liebe, waren Bestandteile des Lebens, auf dem Weg zum Erwachsenen. Der Glaube an mich selbst und eine unerhört große Portion Dickköpfigkeit, waren alles, was ich hatte. Ich wusste immer genau, was ich wollte und entschied entsprechend. Ungeachtet dessen, welche Folgen das für mich haben würde! Sogar vom Ursprünglichsten… von der eigenen Familie, wandte ich mich ab, weil ihr  Weg nicht meiner war. Meinen Weg wollte ich so gestalten, wie es mir gut tat und wie ich es für richtig hielt. Auch vom kirchlichen Glauben wollte ich nichts wissen! Half mir die christliche Gemeinschaft denn? Wollte es der Vater im Himmel, dass es mir als Kind so mies ging? Warum schützte mich niemand vor unfassbarer körperlicher und seelischer Gewalt? Warum schauten alle weg oder zeigten mit dem Finger auf mich  – das Schmuddelkind, das ja auch nichts Gescheites sein konnte!? Man schaue sich doch nur ihre Mutter an!
Oh wie taten sie weh, die verachtenden Blicke dieser „Gemeinschaft“! Und Gott schaute die ganze Zeit dabei zu! Es war ihm sch*** egal! Und ich weiß auch warum! Weil es den verherrlichten, heiligen Herrscher über Himmel und Erde gar nicht gibt! Alles nur Einbildung! Alles nur Geschwätz! Man konnte aber – wie praktisch – das schmutzige Gewissen wunderbar rein waschen, wenn man die Kirche besuchte, Beichte ablegte und erleuchtet wieder heim ging, um genau dort weiter zu machen, wo man aufgehört hatte! Nichts, aber auch gar nichts hielt ich vom christlichen Glauben! Für mich machte das die Menschen nur noch verlogener, noch scheinheiliger und unfähig, für ihr Tun auch selbst die Verantwortung zu übernehmen! Ganz abgesehen, von den vielen Widersprüchen in der  – meiner Meinung nach frauenfeindlichen, heiligen Schrift, die ich mit meinem  logischen Denken einfach nicht nachvollziehen konnte!
Und ausgerechnet ich suchte mir als neue Wahlheimat Österreich aus und wurde genau dort endlich ruhiger, zufriedener! Ein ganzes Land, verheiratet mit Gott! Es mag pietätlos klingen, aber so ist es keineswegs gemeint! Es ist wohl eher die tief verwurzelte bittere Erfahrung des Lebens, die mir diese ungläubige Haltung verpaßte. Immerhin suchte ich im Alter von 13 Jahren Zugang zur Kirche und zum Glauben. Ich wollte endlich mehr erfahren, über die Religionen dieser Welt und das  Warum der Glaubenskriege zwischen den Menschen. Doch ich wurde erwischt und in der ehemaligen DDR – aus der ich stamme, war es verboten oder zumindest nicht erwünscht, dem christlichen Glauben nachzugehen.
Nun, in Österreich besuche ich manchmal Kirchen. Doch dort geht es mir nie gut. Die Menschen beten stumpfsinnig ihren Reim herunter, Hirn und Herz lassen sie genauso draußen vor der Tür, wie ihr Lachen!
Kälte und Totenstille kriechen an mir hinauf und lassen mich entsetzlich frieren.
Irmi war etwas schockiert, aber beeindruckt. Sie kam zu mir, malte mir ein unsichtbares Kreuz auf die Stirn, schenkte mir den Segen und sagte, „Oh ja! Du glaubst, meine Liebe! Dein Glaube ist der wahre Glaube, den ich mir unter allen Christen wünsche!“
Tränen stürzten in meine Augen. Ich verstand sie zwar nicht, aber ich spürte eine unglaubliche Kraft und verstehende Wärme dieser Frau. Aus tiefstem Herzen flüsterte ich ihr ein „Danke“, das sie so rührte, dass auch Irmi sich verstohlen über die Augen fahren musste.
Wir hatten uns gegenseitig Glauben geschenkt, jeder auf seine ganz besondere Weise. Und noch immer empfinde ich diesen Dank, dass ich es endlich einmal erleben durfte, mich mit Gottes Gemeinschaft richtig wohl zu fühlen.