Theater im Theater

Ein gellender Schrei ging durch die Foyerhalle. Mit entsetzt aufgerissenen Augen und am ganzen Körper zitternd, zog sie ihre Hand ruckartig aus der Manteltasche.
Von einer Sekunde auf die andere, wurde es still in dem von Besuchern überfüllten Raum. Alle Blicke gingen in Richtung der aufgebrachten Frau, die mit grünlichem Schimmer im Gesicht, krampfhaft überhastet, die Handfläche an ihrem Körper rieb.
Glücklicherweise waren noch andere – weniger aufgeregte Bedienstete da und nach der Schrecksekunde wurde zunächst zögerlich – wenig später wieder ganz normal, die Garderobenausgabe an die Theatergäste fortgesetzt. Gerade so, als sei nichts gewesen.

*

Um vier Uhr am Nachmittag saß Judith noch schwer beschäftigt an ihrem Arbeitsplatz und mühte sich ab, heute ausnahmsweise einmal beamtenpünktlich Feierabend zu machen. Es war wie verhext! Die Arbeit wollte kein Ende nehmen! Dabei war doch noch gar nicht Freitag, der Dreizehnte, sondern Donnerstag, der Zwölfte.
Ein kultureller Höhepunkt und Geschenk ihres Mannes Roman, stand auf dem Abendprogramm. Sie wollten zuvor eigentlich noch ein wenig flanieren gehen, durch die Innenstadt bummeln, vielleicht auf ein romantisches Glas Rotwein, zauberhaftes Glitzerstaunen im Swarovski-Shop oder was auch immer an vergnüglicher Einstimmung erleben, bevor sie sich auf den Weg ins Theater machten. Aber dafür musste Judith erst einmal nach Hause gehen und schlich sich endlich davon.
Um den üblichen Staus zu entgehen, beschlossen sie, öffentlich an ihr Ziel zu fahren. „Fahrscheine? Nee, habe ich nicht!“, stellte Judith fest. „Ach schau“, rief Roman. „Die kaufen wir dort am Automaten“ und er stürmte schon davon. „Wieso willst du weder mein Geld, noch die Bankomatkarte? Dein Bruder nebenan ist außer Betrieb und unsere Zeit wird knapp! Hey, wir haben es eilig!“, meckerte Roman die versagende Blechkiste voll, als sei sie ein Mensch. Judith kramte nervös herum und tatsächlich fand sich noch eine alte Streifenkarte. „Das ist eben der Vorteil an der Handtasche des Weibes“, triumphierte sie. „Sie beinhaltet lauter unsinniges Zeug, aber manchmal auch das rettende Utensil des Tages! Juhuuu! Auf geht’s zur U-Bahn!“
Aus dem Stadtbummel wurde nichts mehr. Sie beeilten sich, zum Theater zu kommen. Wer weiß, welche Verkettung ungünstiger Umstände noch auf sie lauerte. „Na Bitte! Wir haben noch Unmengen an Zeit!“, stichelte Judith belustigt. „Es ist Punkt sieben, wir sind im Theater und die Vorstellung beginnt erst um 19:30! Was wollen wir mehr? Ich stelle mich schon mal an.“ Das ist ja wie damals in der DDR, wenn es Bananen gab, registrierte sie leicht genervt die extrem schleppende Vorwärtsbewegung der laaangen Warteschlange. Judith wurde im ehemaligen Ostdeutschland geboren. Das typisch ostdeutsche „Bananentrauma“ erinnerte sie an einen witzigen Zwischenfall, der sie gleich wieder aufheiterte. „Habe ich dir eigentlich davon erzählt, was meiner Mutter einmal passierte, als sie für die Familie Bananen gekauft hatte? Ein Kindergeburtstag stand bevor und sie wollte das kostbare, gekrümmte, gelbe Obst dafür aufbewahren. Sie versteckte die Bananen im Kleiderschrank, hinter einem großen Stapel Wäsche, damit wir sie nicht finden und schon vorher weg essen konnten. Sie vergaß aber dann vollkommen auf die Bananen. Erst durch einen starken und sehr markanten Geruch machten sie wieder auf sich aufmerksam. Die Teile wurden gefunden, waren inzwischen schwarz vor Ärger und konnten nur mehr entsorgt werden.“
Nicht nur Roman lachte über diese Episode aus Judiths lebhafter Erinnerung. Von irgendwo weiter vorn kam die Bemerkung: „Ja, so eine Banane hat halt auch ihren Stolz und rächt sich, wenn man nicht an sie denkt!“
Endlich war Judith an der Kasse angekommen und wollte sich die bereits im Voraus bestellten und bezahlten Karten aushändigen lassen. Voller Vorfreude auf Shakespeares theatralisches Liebespaar, legte sie die Buchungsbestätigung vor. Doch das Drama begann sofort, an Ort und Stelle! Die Dame suchte und suchte, fand aber die Karten nicht! Entspannt – ja sogar lächelnd wirkte ihr Gesicht, als sie plötzlich verkündete: „Ihre Karten wurden bereits abgeholt!“
Judith: „WIE BITTE?!?! Sie scherzen mit mir, nicht wahr?“
Dame: „Keineswegs! Schauen Sie! Kennen Sie diese Unterschrift?“
Judith: „Nein! Kenne ich nicht!“
Dame: „Sie wurden abgeholt, tut mir leid! Moment bitte…“ Und weg war sie! Judith schaute verzweifelt hinüber zur zweiten Kassa… dem dort sitzenden Herrn flehend ins Gesicht.
Judith: „Bitte, könnten Sie der Dame beim Suchen helfen?
Herr: (wühlt in einem riesigen Haufen) “ Hm… Ihre Karten sind wirklich nicht dabei…“
Fünf Minuten bevor die Vorstellung beginnen sollte, kam die Dame zurück. Sie schaute ganz betreten, sagte aber nichts, setzte sich schweigend an ihren Computer und klickte unmotiviert mit der Mouse herum.
Judith: (leicht zornig werdend) „Ich sage Ihnen jetzt was: Die Karten sind bezahlt! Die Vorstellung beginnt! ROMAN UND JUDITH WOLLEN JETZT DA REIN UND ROMEO UND JULIA SEHEN! BITTE! Ist mir egal, wem Sie unsere Karten gegeben haben!“
Herr: (findet den Fehler) „Man hat Ihre Karten versehentlich jemand Anderem gegeben, aber wir haben Glück. Seine sind noch da… gleiche Preiskategorie wie Ihre.“
Judith: (schaut sich nach einer versteckten Kamera um) „WIIIR? Sie meinen SIE haben Glück!“
Herr: „Ich bitte um Entschuldigung für das Versehen, aber wir haben ja Ihre Karten SCHON!…“
Judith: (gereizt, ironisch) „SCHOOON…HAHA! Kann ich sie dann bitte haben? Dann können wir SCHOOONmal rein gehen!“
Herr: (gibt die Karten endlich her) „Wir wünschen Ihnen einen schönen Abend!“
Geschafft! Das Musical hatte bereits begonnen. Die Bühne füllte sich mit merkwürdig geschminkten Menschen in komischen Kostümen. Welcher Möchtegern- Designer war hier nur am Werk?…Jaja, ich weiß, ich habe von Kunst keine Ahnung, dachte sich Judith, als sie das Bühnengeschehen betrachtete.
Und endlich tauchten sie auf… die Ewigkeit der Liebe und die Lebendigkeit des Todes… Person geworden im unschuldig, engelhaften Liebespaar Romeo und Julia. Im krassen Gegensatz dazu, der verdorbene Mob von Verona, dem nichts und niemand heilig war. Dem wahre Liebe und Freundschaft fremd, verloren in verhasstem Vergnügen, gekaufter Zärtlichkeit, gelangweilter Gewalt.
Das Liebespaar war tapfer, doch der Tod kroch schon über den Bühnenboden. Bald war es aus mit ihnen und die Lichter des Theaters rissen die Zuschauer aus ihrer schmachtenden Starre. Die verklärten Blicke schwanden aus ihren Augen und alles drängte zu den Garderoben.
Roman und Judith auch…
In dieser riesigen Menschentraube, nutzte Judith ihren „Zwergenvorteil“ und schlüpfte im Handumdrehen – fast ohne „Feindberührung“ durch die kleinen Zwischenräume, bis sie auch schon vorn war.
Und so näherte sich ihr persönliches Drama seinem Finale. Wer braucht schon Shakespeare, um gut unterhalten zu werden? Das wirkliche Leben kann das auch!…
Judith: „Schatz, gib mir bitte die Garderobenmarken!“
Roman: „Ich habe nur diese Eine bekommen. Da ist sie.“
Judith reichte die Marke der Garderobendame und zeigte ihr, wo ihre Mäntel hingen.
Dame: „Ja, da hängen ja zwei Jacken!“
Judith: „Stimmt! Wir sind ja auch zwei Personen!“
Dame: „Aber Sie haben nur eine Garderobenmarke!“
Judith: (ratlos) „Schatz, hast du die zweite Garderobenmarke?“
Roman: „Nein! Ich habe nur diese Eine bekommen!“
Judith: (zur Garderobendame) „Sie sehen, wir haben nur eine Garderobenmarke. Es hängen ja auch beide Jacken an EINEM Haken!“
Dame: „Gut! Wenn Sie nur eine Marke haben, dann bekommen Sie auch nur eine Jacke!“
Judith schaute nun verdrießlich in die Menschenmenge hinter sich…
Judith: „Sie wollen mir jetzt aber nicht sagen, dass ich warten muss, bis ein Jeder seine Jacke hat, die Menschen gegangen- und man sicher ist, dass Keinem der Mantel fehlt!“
Dame: (souverän lächelnd) „Doch! So ungefähr müssen Sie sich das vorstellen!“
Da stand Judith also ganz vorn in der Reihe, schaute dem eifrigen Treiben zu, die Garderobe immer leerer werdend, sah ihren Mantel zum Greifen nah und doch Welten entfernt. Da kam ihr eine Idee…
Judith: (engelsgleich lächelnd zur Dame) „Wissen Sie was? Ich sage Ihnen, wo mein Schal ist, beschreibe, wie er aussieht und was ich in meiner rechten Manteltasche habe. Sie überprüfen das und wenn alles stimmt, geben Sie mir meinen Mantel.
Dame: (überheblich lustig – sie glaubte wohl, die Erklärung würde nicht gelingen) „Okay! Erzählen Sie! Ich schaue nach, ob es stimmt.“
Judith: „Also, mein Schal steckt im linken Ärmel, hat ein pastellrosa Quadratmuster, das mit dünnen, zartbraunen Streifen durchzogen ist. Er hat ca. 8,5 cm lange Wollfransen an beiden Seiten. Seine Gesamtlänge weiß ich allerdings jetzt nicht so genau aus dem Kopf. Es müssten geschätzte 155,7 cm sein. In der rechten Manteltasche steckt ein Spielzeug meines Sohnes. Das dürfen Sie sogar behalten, wenn ich die Wahrheit gesprochen habe.“
Die Dame überprüfte sichtlich amüsiert Judiths Schalbeschreibung.
Dieses Spiel gefiel.
Judith: „Bekomme ich jetzt meinen Mantel?“
Die Dame hatte aber noch die Manteltasche im Visier. War es ihre Freude an diesem Spielchen? War es reine Neugier? Das werden wohl immer Fragen ohne Antwort bleiben! Als sie gerade im Begriff war, suchend ihre Hand in der Manteltasche zu versenken, flüsterte Judith ihr zu: „Es ist ein toter Frosch!“ In diesem Augenblick muss sie die kühle, leblos – matschige Masse gerade ertastet haben. Mit einem furchtbaren Schrei, riss sie angewidert ihre Hand heraus, rieb wie verrückt an ihrem Körper herum, um sie wieder „sauber“ zu bekommen und war für diesen Abend wohl nicht mehr ansprechbar.
Judith: „Warum bekomme ich denn nun meinen Mantel nicht? Alles, was ich beschrieben habe, stimmt! Was kann ich dafür, wenn die Dame das Spielzeug meines Sohnes nicht haben will?“
Das Kleidungsstück wurde übertrieben schnell von einer anderen Bediensteten auf den Übergabetisch geworfen. Judith registrierte die fragenden Blicke aller Anwesenden und griff in ihre Manteltasche. Sie zog einen weichen Gummiklumpen hervor, den sie zu Hause in aller Eile eingesteckt hatte, weil sie und ihr Mann schon am Aufbrechen ins Theater waren. Ihr Sohn hatte damit herum geworfen.
Dieses seltsame Spielzeug nannte sich „Animales Lokos“  und blieb überall kleben, wo es auftraf. In seiner Konsistenz war es ekel erregend glitschig, weich und kalt – wie ein toter Frosch eben.
Draußen, vor dem Theater, gingen Judith und Roman noch ein paar Meter schweigend neben einander her. Doch bald schon, konnten sie es nicht mehr zurück halten. Dieses Lachen hat man wahrscheinlich bis in den Moskauer Kreml gehört und es wollte einfach nicht aufhören.
Was für eine brillante Vorstellung! Theater im Theater, ganz ohne Shakespeare.