Der ewige Traum

Still und bewegungslos saß Lea in einer Ecke am Boden des Wohnzimmers. Voller verträumter Sehnsucht, starrte sie auf die Bilder, die im Fernsehen gezeigt wurden – von einer fernen, ganz anderen Welt. Taucher erforschten bizarre Korallenriffe im himmlischen, glasklaren Blau des Pazifik. Die Sonne spiegelte sich im Wasser, und wunderschöne kleine Meeresbewohner, in herrlichsten Farben, waren sichtbar. Wie viele Rätsel mochte die Unterwasserwelt beherbergen, die Mensch noch nicht kennt? Lea hing ihren Gedanken nach und stellte sich vor, wie das sein musste, wenn man auf grenzenlose Entdeckungsreise ging. Der tiefe Wunsch nach Freiheit, bohrte im Herzen der Zehnjährigen. An den Sandstränden lagen sonnenhungrige Menschen, während sich andere auf den Wellen des Meeres tanzend, dem Surfvergnügen hingaben. Weiter im Landesinneren atmete die Erde. Tropisches Grün, seltene Tiere, fruchtbares Leben auf Vulkanen, deren heiße, gestaltende Hand hier und da noch aktiv tätig war. Lagunen der Liebe und malerische Wasserfälle, die verborgenen Quellen zu entspringen schienen, streichelten Leas Seele sanft und ein Hauch von Paradies machte die Wirklichkeit vergessen. Das verträumte Mädchen spürte nichts von den leisen Tränen, die über ihre Wangen flossen. Sie hörte auch ihre Stimme nicht, als sie wie im Trance verkündete: „Hawaii! Eines Tages werde ich dort sein! Das Paradies auf Erden will ich betreten, nur in Begleitung eines Menschen meines Herzens!
Alle lachten! Leas Mutter spottete verächtlich. „Ja Tochter! Morgen reserviere ich schon mal die Flugtickets. Wer ist denn der Mensch deines Herzens? Er sollte erfahren, dass er die DDR verlassen darf, um mit dir nach Hawaii zu reisen. Mir ist noch nicht ganz klar, wie ich dich hier raus bekomme, aber vielleicht frage ich mal bei den Bullen (= Polizei) nach. Dann haben die auch ihren Spaß.“ Irgendwelche fremden Besucher kicherten, tranken und witzelten über das Kind, das plötzlich verschämt in seiner Ecke saß, weil es für einen kurzen Augenblick so tief in seine Träume versunken war, dass es die reale Umwelt nicht mehr wahrnahm. Nicht zum ersten Mal war ihr das passiert. Schon mehrfach wurde Lea beim Tagträumen erwischt. Sie galt als verschlossene Spinnerin, die in ihrer eigenen Welt lebte. Die eigensinnige Kleine aber, redete sich zu: „ Ja, lacht nur alle über mich! Eines Tages werde ich glücklich,  lachend von meiner Trauminsel in den Himmel blicken, während ihr auf verrotteten, grauen Sesseln der Gewohnheit hockt und eure schmutzigen Füße hoch lagern müsst, müde vom ständigen Herumtreten auf der würdevollen Seele anderer Menschen. Oh, wie ich euch verachte!“
Um ehrlich zu sein, erschien Leas Traum zu diesem Zeitpunkt wirklich unerreichbar fern. Ihre Heimat Ostdeutschland war nichts anderes, als ein großes Gefängnis! Umgeben von meterhohen Mauern, vermintem Gebiet, Stacheldrahtzäunen, Scharfschützen! Mit welchem Recht, verdammt noch mal, wurde ein ganzes Volk vom Rest der Welt isoliert, eingepfercht in Betonsilos, bevormundet, wie Geisteskranke? Wer maßte sich an, eigenständiges Denken und Tun zu verbieten oder die eigene Meinung laut zu sagen? In Leas Bewusstsein wuchsen Unverständnis, Zorn und stiller Protest. Doch alles, was ihr Herz bewohnte, hatte den Status der Unantastbarkeit. Dort lagen ihr Reichtum und ihre Kraft. Daran glaubte sie und richtete so möglicherweise ihr ganzes Unterbewusstsein daran aus. Kann es sein, dass dies der Zusammenhang war, den Philosophen oft zu beschreiben versuchten, wenn sie sagten „du bist, was du denkst“? Welche Träume konnten sich verwirklichen, wenn man gar keine hatte? Lea war überzeugt, eines Tages auf die andere Seite der Erde zu reisen, um Hawaii zu betreten.
Viele Jahre gingen ins Land. Aus Lea war inzwischen eine junge Frau geworden, die – zwar oft auf sich allein gestellt, trotzdem tapfer ihren Weg ging. Mit der notwendigen Geduld und wachsamer Übersicht, durchlebte sie die historische Auflösung des Gefangenenstaates DDR. Endlich war es allen erlaubt, die ganze Welt zu sehen, andere Völker kennen zu lernen, zu leben, wo man wollte und zu sagen, was man dachte, ohne verfolgt zu werden. Doch nun gab es ein neues Problem. Die Menschen hatten nicht das Geld und den Wohlstand der westlichen Welt. Gespartes Vermögen wurde mit der sogenannten Währungsunion gnadenlos halbiert, denn was war sie schon wert, die blecherne Ostmark? Jobs gingen zu tausenden verloren, weil eine Marktwirtschaft noch nicht existierte und eher Absatzmärkte, statt Mittelstand sich formten. Woher bitte, sollte die Bevölkerung die Kaufkraft erlangen, wenn ein Großteil von ihr beschäftigungslos war und der mühevoll aufgebaute, bescheidene Lebensstandard plötzlich zusammenfiel, wie ein Kartenhaus? Wie konnte man in dem neuen Wirtschaftssystem bestehen, wenn alle Grundlagen, wie freies, unternehmerisches Denken, gute Ausbildung, Jobs und gesichertes Einkommen fehlten?
Jetzt hieß es, besonnen zu bleiben, die Entwicklung zu beobachten, gut mit den vorhandenen Mitteln zu kalkulieren, bis sich die Lage langsam beruhigt und etwas geordnet hatte.
An das wunderschöne Hawaii war jetzt nicht zu denken! Und Geld dafür hatte Lea ja sowieso nicht! Also sorgte sie dafür, gut im Job zu sein und ihre Familie – sie hatte inzwischen einen kleinen Sohn, zu erhalten. War es Glück, ihr Fleiß, die aufmerksame Wachsamkeit? Oder war es ihr Mut, mit einem beruflichen Wechsel, im richtigen Moment die richtige Entscheidung zu treffen? Was auch immer, aber Lea hatte es geschafft, diese verrückte Wende und auch die Zeit danach, ohne Arbeitsplatzverlust durchzustehen.
Die Grenzen waren nun also offen, Lea allein erziehend, mit einem hervorragenden, gut bezahlten Job. Einige Jahre ließ sie noch ins neue einige Deutschland gehen, das sie dann aber doch gern verließ, denn es hatte ihr selten Freude, dafür aber viel Mühe, Not, Schmerz und Tränen gebracht. Nicht einmal eine behütete, schöne Kindheit hatte dieses Deutschland dem Mädchen geben können! Doch das lag immerhin nicht nur in der Verantwortung des Staates. Es war das grenzenlose Unvermögen einer schlechten Mutter, die nur deshalb – leider viele –  Kinder bekam, weil sie selbst zum Verhüten zu dumm und zum Arbeiten zu faul war!
Lea suchte sich eine neue Wahlheimat. Sie glaubte, dort den Menschen ihres Herzens gefunden zu haben, mit dem sie das Leben teilen wollte, um dessen Inhalt doppelt zu genießen. Anfangs machte es auch durchaus den Anschein, als sei dieser Traum in Erfüllung gegangen. Zwei wundervolle Kinder waren ein Ergebnis dieser Liebe, die jedoch Stück für Stück in gegenseitigem Desinteresse und fortschreitendem einander fremd werden, erstarb.
Weitere Jahre vergingen. Vieles ereignete sich – Gutes, wie Schicksalhaftes. Manches erschütterte das Herz der, in ihre Arbeit verliebten jungen Frau.
Durch verschiedene Umstände nahm ihr Leben plötzlich einen ganz neuen Verlauf, fern von beruflicher Selbstverwirklichung. Bewusst wandte sie sich ab von fremd gesteuerter Zeitplanung und vordiktierten  Tagesabläufen. Lea wagte den totalen Ausstieg, getrieben von dem tiefen Wunsch, endlich zu leben und nicht mehr gelebt zu werden. Spätestens jetzt kam der ewige Traum zurück, den sie schon seit Kindertagen in sich trägt, für den sie belacht und verspottet worden war. Nie hatte sie aufgehört, daran zu glauben.
Lea wird ihre Reise nach Hawaii planen, begleitet von den Menschen ihres Herzens – ihren drei Söhnen! Sie wird am Meer stehen, lachend zum Himmel hinauf blicken, dankbar sein für diese wundervollen Augenblicke. Vielleicht denkt sie dann zurück an den Spott und das Gelächter ihrer Mutter, von der sie nicht einmal weiß, wie es ihr geht,  wo und ob und von wem sie gelebt wird…

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