Schreiben lernt sich nicht mit Links

Stell dir vor, du bist sechs Jahre alt und lebst in einem Heim. Man schlägt dir regelmäßig auf die Finger, bis sie angeschwollen sind. Jede Bewegung schmerzt. Du möchtest schreiben mit dieser Hand, so gut es eben geht. Doch die Füllfeder rollt über das Papier und hinterlässt einen dicken Tintenfleck.
Was tust du? Richtig! Du schreibst mit der anderen. Es bleibt dir ja garnichts anderes übrig. Du musst schreiben lernen!
Tu es bitte! Schreibe mit der anderen Hand! Was stellst du fest? Das wird nichts, stimmts? Du bemühst dich wirklich sehr, aber das Ergebnis ist ein hässliches Gekrixel seltsamer Zeichen, die nur entfernt an Buchstaben erinnern. Doch die Anstrengungen, die hinter dieser Arbeit stehen, sind so enorm, dass du nicht einmal den verzweifelten Kampf und Krampf deines Körpers bemerkst!

So gesehen waren meine ersten Erfahrungen mit dem Element Schreiben nicht gerade von Talent geprägt. Man glaubte wohl, mir meine angeborene Linkshändigkeit förmlich aus den Fingern schlagen zu können!
Meinem Kopf jedoch war es egal, ob und wie ich schrieb. Buchstabensalat war seine Lieblingsspeise und die ewigen Wortspielereien ließen die Besitzerin dieses Kopfes nicht selten wie eine Tagträumerin erscheinen.
Wie von selbst begann ich zu reimen. Ich war entzückt von diesem Gleichklang, dem geheimnisvollen Rhythmus, mal sanft und leise, voller Poesie. Dann wieder schelmisch frech und manchmal auch trotzig, hart und fordernd.
Fantasie braucht kein Papier. Doch der Abgrund des Vergessens macht alles, was eben noch lebendig war, ungeschehen. Ganz so, als wären die Gedanken nie gedacht-der Gleichklang nie gehört worden. Ich musste richtig schreiben lernen und legte mir irgendwann mein erstes Tagebuch zu.
Schnell wurde es zu meinem engsten Vertrauten, manchmal sogar zum Retter meines Verstandes. Dann nämlich, wenn ihn das Leben mir zu rauben drohte! Meine rechte Hand war immer mehr Werkzeug der Gedanken. Wenn ich schrieb, sprach meine Seele. Ich spürte unglaublichen Reichtum in mir. Für dieses unsichtbare Gold brauchte ich keinen Menschen und auch nicht dessen Zeit!
Mit dem Ende meiner Kindheit verschwand leider auch das Schreiben. Familie und Beruf ließen kaum Freiraum für mich und meine Träume. Vieles ereignete sich in den Jahren. Doch was geschah eigentlich mit mir? Erst kaum wahrgenommen, dann immer spürbarer, wuchs eine innere Unruhe, deren Ursprung ich nicht zu erkennen vermochte. Mein Auge begann ohne Befehl wieder nach den kleinen Wundern des Lebens Ausschau zu halten. Es lud mich ein in ein Land des Staunens, der Freude oder in die erhabene Stille eines Augenblicks.
Plötzlich wusste ich, was mir so lange Zeit gefehlt hatte. Ich begann wieder zu schreiben. Endlich! Ich reimte für jedermann zu beliebigem Anlass, erfand Geschichten oder schrieb die Entdeckungen meines Alltags auf jedes Stück Papier, das gerade zur Verfügung stand. Manchmal schien es mir, als ob sich Fantasie und Realität miteinander vermischten. Wie ein Künstler, der in seiner Musik versank wenn er spielte, so tauchte ich hinein in meine Geschichten wenn ich schrieb.

Eines Tages gesellte sich mein jüngster Sohn zu mir an den runden Tisch des Hauses. Er nahm ein leeres Blatt Papier und begann, Wörter zu notieren, die mit P beginnen. Ich war verblüfft, als ich bemerkte, wie der Junge mit den Buchstaben herum experimentierte. Einen winzigen Augenblick später kicherte er vergnügt und plapperte einen Koboldreim aus seinem Pumucklbuch herunter, bevor er sich wieder auf die P-Wörter konzentrierte.
Erinnerungen wurden in mir wach.
Erstaunlich, wie geschickt die kleine linke Hand  des Kindes schon zu Werke ging. Er war gerade sieben Jahre alt.
Das Schönste aber war, seinen Spaß am Schreiben und das fröhliche Spiel kindlicher Fantasie mitzuerleben.
Buchstabensalat ist wohl die Lieblingsspeise dieses kleinen Kopfes.
Und Schreiben lernt sich auch mit Links!

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